Archiv für März 2013

Zitat des Monats

Gefunden im neuen Cee-Ieh-Newsflyer. Der dazugehörige Artikel trägt die Überschrift „Gentrifizierungskritiker unter Beobachtung“ – gemeint ist hier die Beobachtung gentrifizierungskritischer Initiativen durch den Verfassungsschutz. Soviel zum Kontext, hier das Zitat:

Unabhängige Bewegungen, die grundlegende soziale Fragen aufwerfen, bekommen damit den Stempel destruktiver Revolutionäre aufgedrückt. Die Kritik an Eigentumsrechten muss aber möglich sein, ohne dass sofort der Verdacht auf Verfassungsfeindlichkeit gesät wird.

Schlimm. Da werfen Leute „grundlegende soziale Fragen“ auf, und schon gelten sie als Revolutionäre. Kann ja echt nicht sein, dass staatliche Instanzen darüber entscheiden, wen sie nun als potentiellen Staatsfeind betrachten und wen nicht…
Na egal. Hoffen wir mal, dass das Cee Ieh es auch in Zukunft schafft, keine grundlegenden Fragen aufzuwerfen.

Der Ferrari der Kritischen Theorie

Blogsport-Debatten wie diese sind spannend. Sie können aber auch verwirren, wenn mensch zufällig keine zwanzig Semester Philosophie (mit Soziologie im Nebenfach) studiert hat. Was trennt die Kritische Theorie von der Kritischen Kritik – oder ist beides am Ende dasselbe? Was war noch gleich der Unterschied zwischen Postmoderne und Poststrukturalismus? Ist es schon ein Zeichen von Todestrieb, wenn ich morgens lieber im Bett bleiben will? Und überhaupt: Who the fuck is Gilles Deleuze? Ich dachte immer, das wäre ein französischer Weichkäse…
Fragen über Fragen… Die Trading Cards von theory.org.uk können da vielleicht Abhilfe schaffen. Sie bieten nicht nur einen ersten Einstieg in die stachelige Materie, sondern auch jede Menge Theorie-Spaß für jung und alt1. Yeah! Da sind wir gleich alle ein wenig klüger und wissen nun: Adorno ist sowas wie der Ferrari der Kritischen Theorie.

Theodor W. Adorno

Michel Foucault

  1. Na gut, gewisse konzeptionelle Schwächen sind trotzdem nicht zu leugnen: Warum taucht in der Reihe z.B. Marcel Duchamp auf, der zwar ein recht guter Schachspieler, aber sicher kein großer Theoretiker war? Warum kriegt Carl Gustav Jung eine Trading Card, aber Sigmund Freud nicht? Und wieso wird Foucaults Modell der Macht zu seinen Stärken gerechnet, während seine geschichtlichen Forschungen als Schwäche gelten? Fragen über Fragen… [zurück]

Sitting In The Waiting Room

Fugazi-Videos auf Youtube gucken macht glücklich, stelle ich gerade fest. Genau, Fugazi. Diese TOTAL unbekannte Band aus Washington D.C., die in den 90ern mal irgendwie wichtig war… Auf „Play“ gedrückt, und zehn Sekunden später geht´s schon los: Gänsehaut. Ich wippe auf meinem Schemel im Takt der Musik hin und her, ein breites Grinsen im Gesicht, und singe mit: „I AM A PATIENT BOY, I WAIT, I WAIT, I WAIT, I WAIT…“ Schön.

Lukács revisited

Noch mal zu Lukács, weil es gerade so schön zum letzten Beitrag passt. Die folgenden beiden Zitate stammen von Terry Eagleton (aus „Ideologie – Eine Einführung“, J.B. Metzler Verlag Stuttgart/Weimar 1993). Eagleton ist Professor für englische Literatur, Marxist und insgesamt ein durchaus kluger Mensch, der es zum Glück nicht nötig hat, unverständlich daherzuschreiben, damit man ihm die Klugheit auch abnimmt.
Man beachte die kleinen Seitenhiebe gegen die postmoderne Theorie, die sich im folgenden Zitat verbergen (auch zu diesem Thema hat Eagleton übrigens ein lesenswertes Buch geschrieben, „Die Illusionen der Postmoderne“). Here we go:

Lukács Art seine Thesen zu formulieren, wird ihm heute nicht mehr viele uneingeschränkte Anhänger gewinnen. Er behauptet, das Proletariat sei eine potentiell ‚universale’ Klasse, da es in sich die Möglichkeit zur Emanzipation der ganzen Menschheit trägt. Folglich ist auch sein Bewusstsein universal; universale Subjektivität ist wiederum im Endeffekt identisch mit Objektivität. Was die Arbeiterklasse von ihrem partiellen historischen Standpunkt aus erkennt, muß daher objektiv richtig sein. Man muß sich nicht unbedingt von diesem großartigen Hegelschen Duktus überzeugen lassen, um die wichtigen Einsichten, die sich dahinter verbergen, zu retten. Lukács hat klar erkannt, daß der Gegensatz zwischen einem rein partiellen, ideologischen Standpunkt einerseits und einem leidenschaftslosen Blick auf die gesellschaftliche Totalität andererseits absolut irreführend ist. Diese Opposition kann nämlich die Lage unterdrückter Klassen oder Gruppen nicht miteinbeziehen, für die es wichtig ist, einen Überblick über die Gesamtgesellschaft und über ihren eigenen Platz innerhalb dieses Systems zu gewinnen, einfach um ihre partiellen und besonderen Interessen erkennen zu können. Wenn Frauen sich emanzipieren wollen, dann muß ihnen daran gelegen sein, die allgemeinen Strukturen des Patriarchats zu verstehen. Dieses Verstehen ist in keiner Hinsicht unschuldig oder absichtslos, es dient im Gegenteil einem dringenden politischen Interesse. Wenn dieses Interesse indes nicht an einem bestimmten Punkt vom Besonderen in das Allgemeine übergeht, dann wird es mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit scheitern. Ein Kolonialvolk kann sich um des bloßen Überlebens willen dazu ‚gezwungen’ sehen, die globalen Strukturen des Imperialismus zu erforschen, während seine imperialistischen Beherrscher das nicht nötig haben. Diejenigen, die im Einklang mit der heutigen Mode die Notwendigkeit ‚globaler’ oder ‚totaler’ Perspektiven leugnen, sind vermutlich privilegiert genug, um darauf verzichten zu können.

Soweit eine wichtige Basisbanalität, die in der heutigen Linken leider ein wenig verschütt gegangen ist. Brecht hat es noch ein wenig knapper gesagt: „Nur weil wir kämpfen, heißt das nicht, dass wir nicht objektiv sind.“ Ein richtiger Satz – nur der Umkehrschluss, man sei schon deshalb objektiv, weil man eben kämpfe, ist tunlichst zu vermeiden.
Mehr als einmal tappt auch Lukács genau in diese Falle. Terry Eagleton ist klug genug, dies zu bemerken und lässt drum der Würdigung eine passende Kritik folgen:

Lukács Schriften über das Klassenbewusstsein gehören zu den besten und originellsten Dokumenten des Marxismus im 20. Jahrhundert. Dennoch sind sie häufiger zu Ziel heftiger Kritik geworden. Man könnte zum Beispiel behaupten, daß seine Ideologietheorie zu einer unguten Mischung von Ökonomismus und Idealismus neigt. Ökonomismus, weil er die Implikation des späten Marx, daß die Warenform das geheime Wesen allen ideologischen Bewusstseins in der bürgerlichen Gesellschaft ist, ganz unkritisch übernimmt. Verdinglichung ist für Lukács nicht nur zentrales Merkmal der kapitalistischen Ökonomie, sondern „zentrales, strukturelles Problem der kapitalistischen Gesellschaft in allen ihren Lebensäußerungen.“ Hier ist eine Form ideologischen Substantialismus am Werke und homogenisiert sehr verschiedene Diskurse, Strukturen und Effekte. Im schlimmsten Fall neigt dieses Modell dazu, die bürgerliche Gesellschaft auf einen Satz hübsch ordentlich geschichteter ‚Ausdrücke’ von Verdinglichung zu reduzieren, die sich auf allen Ebenen (ökonomisch, politisch, rechtlich, philosophisch) gehorsam gegenseitig spiegeln und nachahmen. Dieses ausschließliche Beharren auf Verdinglichung als Schlüssel zu allen Verbrechen ist, wie Adorno1 später andeuten sollte, verstohlen idealistisch: Es gibt in Lukács Texten die Tendenz fundamentalere Begriffe wie ökonomische Ausbeutung durch den der Verdinglichung zu ersetzen. Ähnliches ließe sich über seine Verwendung der Hegelschen Kategorie der Totalität sagen, die manchmal die Aufmerksamkeit sehr einseitig auf Produktionsweisen, auf Widersprüche zwischen Produktivkräften und Produktionsverhältnissen und ähnliches richten. Geht es im Marxismus […] einfach nur darum, die Wirklichkeit stetig und als Ganzes zu betrachten? Oder um Lukács These ein wenig zu parodieren: Geht es bei der Revolution bloß darum, Zusammenhänge herzustellen?

Gute Fragen, einfache Antwort: Nein, natürlich nicht. Lukács zielt als Philosoph vor allem auf eine philosophische Universalität und Wahrheit ab, während das proletarische Erkenntnisinteresse (so es denn existiert und weit genug reicht) ein durchaus praktisches ist – ein Mittel zum Zweck, nicht selbst schon der Zweck. Bei allem, was Lukács über das ‚Klassenbewusstsein’ schreibt, sollte man nicht vergessen, dass die ‚Klasse’ im Zweifelsfalle durchaus andere Interessen und Probleme hat2. In diesem Sinne denkt Lukács letztlich nicht partikular genug, um wirklich objektiv zu sein.

  1. Gemeint ist hier wohl Adornos Kritik an Lukács´ Buch „Die Zerstörung der Vernunft“. [zurück]
  2. Das hat auch Max Horkheimer erkannt, der in seinen wilden marxistischen Jugendjahren eine treffende Polemik mit eben dieser Stoßrichtung verfasste. [zurück]

Postmoderne Krise

Ein interessanter Artikel, erschienen in Insurgent Notes, über das Versagen der postmodernen Theorie angesichts der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise.

Over the past fifty years, postmodern theory – an umbrella term generally used to refer to such diverse theoretical movements and paradigms as post-structuralism, Lacanian psychoanalysis, deconstruction, and others – has generally dominated most fields in the humanities and some in the social sciences, while even making forays into the natural sciences. But the economic meltdown in 2008 and the subsequent chronic crisis in capitalism have dealt a fatal theoretical blow to the varied and nearly ineffable assemblage of perspectives that are often grouped under the rubric of “postmodernism.” History had not ended, nor could postmodern theory grapple with the conditions of its continuance. The financial collapse of 2008 demonstrated that language itself, or the “symbolic register” in postmodern parlance, could not by itself contain the entirety of social reality. In fact, the manipulation of the “symbolic realm” in the stock market, in particular in the real estate sector, had resulted in real material consequences that had spun out of the reaches and control of language itself. Moreover, mere symbolic manipulation could not, by itself, remediate such consequences. Further, for those who regarded class analysis as outmoded, or class itself as a mere construct of language, the class character of the social order, underlying layers of mediation and theoretical obscurantism, became starkly visible. Meanwhile, with the election of Barack Obama and his continuation and extension of Bush’s policies, the hollowness of identity politics (the political fallout shelter of postmodernism’s retreat from historical materialism) was on full display.
A review of postmodern theory and its claims is in order to show exactly how and why postmodernism fails in light of the present moment.

Interessant ist das u.a. deshalb, weil der Artikel auch eine knappe, aber durchdachte Kritik an Michel Foucault beinhaltet, und dabei in der Ahnenreihe Foucaults nicht nur die üblichen Verdächtigen (Nietzsche, Heidegger, Althusser), sondern auch Georg Lukács erwähnt:

Foucault’s conception of the knowledge-power nexus owes much to Nietzsche and Heidegger. But it can also be connected to Soviet Marxist thought as well. In his “Reification and the Consciousness of the Proletariat,” Georg Lukács introduced the idea of a proletarian “standpoint epistemology,” wherein, based on its unique positioning within the social order and its productive capacities, the working class occupied a privileged epistemological perspective for uncovering the verities of social and scientific reality. Only the working class could have the interests and the social positioning necessary to unpack the reified character of commoditized social relations and to find historical truth, objective reality. In effect, Foucault turned Lukacs’s standpoint epistemology on its head and emptied it of its class character. By implication, Foucault suggested that knowledge could not be located outside of the powerful institutional frameworks capable of producing it.

Foucault stellt Lukács auf den Kopf – die Interpretation hat schon einiges für sich. Und das beschriebene Manöver ließe sich sicher auch in anderen Zusammenhängen und Debatten wiederfinden. Die heutigen Wertkritiker_innen etwa dürften mit ihrer Rede vom allgegenwärtigen Verblendungszusammenhang (Warenfetisch hier, Arbeitsfetisch da, und den Staatsfetisch gibt´s noch kostenlos obendrauf) jedenfalls mehr mit Lukács gemein haben, als ihnen lieb ist. Nur mal so am Rande, falls ihr Lust habt, drüber nachzudenken… Weiterlesen könnt ihr in der Zwischenzeit HIER.