Dem Provokateur ist nichts zu schwör

Wahnsinn… Das diesjährige taz.lab scheint ja ein echtes Feuerwerk der Provokation gewesen zu sein, mit Eklats und derbster Polemik an allen Ecken und Enden… Über den Auftritt von Deniz Yücel hat Rhizom schon so gut wie alles gesagt. Doch nun wirft sich auch noch Jan Fleischhauer1 in die Bresche, mit einem Artikel bei Spiegel Online: „Wie ich auf einem taz-Podium fast für einen Eklat sorgte“.
Gut, dass er noch mal drauf hinweist, sonst hätte wohl keine_r der Beteiligten bemerkt, dass es da einen Eklat gab:

Das Verhängnis begann damit, dass ich die Frage stellte, was wohl nach dem Ende des weißen Mannes2 komme werde, von dem nun ständig die Rede ist. Ich will dem Fortschritt nicht im Wege stehen: Wenn es der Sache dient, müssen ich und meine Geschlechtsgenossen eben Platz machen, so ist der Lauf der Dinge. Ich habe nur gewisse Zweifel, dass wir an der Sexismusfront wirklich weiter kommen, wenn in unserem Fall an die Stelle des weißen Mittelschichtsmannes sein türkischer, arabischer oder indischer Kollege tritt. Den Gedanken hätte ich besser für mich behalten. „Rassist“ tönte es aus einer Ecke, die Mehrheit schüttelte entsetzt den Kopf. Kurz, die Stimmung war schon nach meiner ersten Einlassung zum Thema im Eimer.

Das war´s dann schon, zum Glück endet das Verhängnis so schnell wie es begann. Fleischhauer gibt ein, zwei dumme Sätze von sich, und wird dafür nicht etwa geteert und gefedert, sondern bloß in fieser stalinistischer Manier mit allgemeinem Kopfschütteln bestraft. Dass ihm keiner zustimmt, nimmt er wiederum als Beleg dafür, dass er tatsächlich etwas Wichtiges und Treffendes gesagt hat. Natürlich – warum sonst sollten ihm diese Linken mit solcher Intoleranz begegnen?
Ein richtiger Eklat ist das nicht, dafür fehlt offensichtlich die Empörung auf der Gegenseite. Und gerade dadurch wirkt es doppelt peinlich, wie Fleischhauer sich nachträglich als tapferer Provokateur und einsamer Verteidiger des Status quo in Pose wirft:

Keine Ahnung übrigens, warum mich die taz eingeladen hat. Soweit ich sehen konnte, war ich unter den rund 200 Referenten des taz.lab der einzige Vertreter einer Welt, in der man sich nicht das Ende des Kapitalismus herbeiwünscht oder jeden Morgen ganz fest für die Energiewende betet. Meine Vermutung wäre, dass auch einigen bei der taz das linke Betschwestertum gehörig auf die Nerven geht. Je größer der Druck ist, sich ja richtig zu benehmen, desto heftiger ist oft auch der Wunsch, die Verbotszone zu beschreiten. Das gilt jedenfalls bei allen Menschen, die sich einen Funken Widerstandsgeist bewahrt haben.

Die Schnabeltasse meiner Großmutter ist deutlich provokanter.

  1. Falls ihr Jan Fleischhauer nicht kennt: Der gute Mann ist „Redakteur beim Spiegel und Autor des Bestsellers ‚Unter Linken – von einem, der aus Versehen konservativ wurde’, in dem er den Aufstieg der Linken von einer Protestbewegung zur kulturell dominierenden Herrschaftsformation beschreibt.“ Außerdem war er schon mal bei Anne Will. [zurück]
  2. Das Ende des weißen Mannes? Das musste ich auch erstmal googeln – ich bin offenbar nicht auf dem Laufenden, worüber derzeit so im Feuilleton debattiert wird. [zurück]

1 Antwort auf „Dem Provokateur ist nichts zu schwör“


  1. 1 Hommen oder die homophoben “68er” « rhizom Pingback am 27. April 2013 um 13:02 Uhr
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