Archiv für Mai 2013

Die SPD – 150 Jahre für den Staat

Worin bestand nun Lassalles „verzweifelter Kampf“ gegen die deutsche Arbeiterbewegung? Wofür kämpfte er gegen die selbständigen Bestrebungen der Arbeiter? Wir hörten vorhin von den Produktivgenossenschaften mit Staatskredit. Es gehörte schon etwas dazu, von dem preußischen Staate jener Zeit einen Kredit zur partiellen Verwirklichung des „Sozialismus“ zu erwarten, und man mußte schon in der Nachfolge Hegels tief von der Überzeugung durchdrungen sein, daß es der Zweck des Staates“ sei, „die Erziehung und Entwicklung des Menschengeschlechtes zur Freiheit“ zu gewährleisten!
Wie konnte Lassalle von dem „uralten Vestafeuer der Zivilisation“, dem Staate, auch die Sozialisation erwarten? Weil er im Grunde wie sein Gesinnungsfreund Rodbertus der Ansicht war, daß der Staat die gesellschaftliche Vorsehung sein sollte! Von dieser staatsbejahenden und staatserhaltenden Gesinnung aus lehnte Lassalle die marxistische Staatsauffassung – ohne sie direkt zu nennen – als eine „Theorie der Zerstörung und Barbarei“ ab, und erklärte seine eigene Staatsphilosophie als „eine Staatsdoktrin im höchsten Grade.“
In dieser Auffassung ist Lassalle, wie wir noch sehen werden, theoretisch und praktisch sehr weit gegangen. Er, der einmal zu Marx gesagt hatte, wenn er nicht an die Ewigkeit der Kategorien glaube, müsse er an Gott glauben, führte auch ein aufschlußreiches Gespräch mit Dr. Julius Frese, mit dem er längere Zeit verkehrt hat. Als ihm Frese in einer Debatte über die Annahme Lassalles, der preußische Staat werde den Arbeitern bei der Errichtung ihrer Produktivassoziationen helfen, einwarf, er mute dem Staate Unmögliches zu, erhielt er von Lassalle die bezeichnende Antwort: „Was wollen Sie? Der Staat ist Gott!“ Es soll einige Leute geben, welche die Marxisten mit der Schuld der „totalitären“ Staatsvergötzung belasten möchten, wir müssen diese schon bitten, sich an die Lassalleaner zu halten.
Bedeutungsvoller noch als diese Überlieferung ist die Erklärung, welche Frese für die Einstellung Lassalles zum Staate gab, und die uns ohne jede Rücksicht auf die Lassalle-Legende auf jene Elemente einstößt, die nun einmal mit der Wirksamkeit Lassalles in die deutsche Sozialdemokratie hineingeraten sind: „Und warum machte er den Staat zum Gott? Weil er eine despotische, eine cäsaristische Natur war, ein Freiheitsmensch in seinen Begriffen, ein Gewaltmensch in seinem mächtigen Willen … ein Herrschgewaltiger von oben …“
Nichts beweist diese harte Kritik besser, als Lassalles Verhalten in dem von ihm mitgegründeten Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein (ADAV). Schon bei der Gründung am 23. Mai 1863 erklärte Lassalle, wenn sich in der Zukunft nicht bald ein angemessener Erfolg zeige, sei er nicht bereit, den Kampf fortzusetzen und bestand im Hinblick auf diese Möglichkeit auf dem Recht, jederzeit einen Stellvertreter ernennen zu dürfen.
„Außerdem war die von ihm vorbereitete Statutenvorlage so zugeschnitten, daß sie dem Präsidenten volle Macht gab, mit dem Vereine nach Belieben zu schalten und zu walten. Daß er selbst zum Präsidenten erwählt werden müßte, verstand sich von selbst“. Und dieser Präsident hatte sich selbst schon durch die Statuten im Voraus „diktatorische Gewalt gegeben“! Als diese nach dem Tode Lassalles die Nachfolger festzuhalten suchten, gab es Spaltungen über Spaltungen, bis zeitweise nicht weniger als fünf Organisationen sich als der ADA ausgaben, sich gegenseitig wüst verleumdeten und die Versammlungen sprengten, „wobei es oft genug zu den widerlichsten Szenen und Gewalttätigkeiten kam.“ Erst die Neukonstitution der Lassalleaner 1869 zu Eisenach machte diesen Epigonenkämpfen ein Ende, jetzt nannte man sich „Sozialdemokratische Arbeiterpartei“. In diesem Sinne darf man Lassalle als Begründer der deutschen Sozialdemokratie anerkennen.

Willy Huhn, „Die Lassalle-Legende“, in: „Der Etatismus der Sozialdemokratie – Zur Vorgeschichte des Nazifaschismus“, ca ira-Verlag 2003

Streetart Berlin

Gefällt mir. :D :D :D


via burks

Freunde und Helfer

Ein Polizeieinsatz vor einer Woche in Husby soll Auslöser der Unruhen gewesen sein. Dabei war ein 69-jähriger Mann erschossen worden.
Jetzt berichten Augenzeugen, Polizisten seien während des Einsatzes mit übermäßiger Gewalt vorgegangen: „Ich sehe da einen Jungen, vielleicht 15 Jahre alt. Der geht auf einen Polizisten zu, der an einer Brücke steht. Da springt der Polizist auf den Jungen zu, schlägt auf ihn ein, trifft ihn im Nacken und an den Schultern mit sehr heftigen Schlägen“, schildert eine Frau ihre Beobachtungen. Außerdem heißt es, Polizisten hätten die Randalierer in Husby als „Neger“ und „Affen“ beschimpft.
Polizeisprecherin Diana Sundin verteidigt das Vorgehen der Beamten: „Natürlich müssen wir korrekt sein und immer die richtigen Worte finden. Doch in so einer aufgeheizten Stimmung, wenn man dasteht und Steine an den Schutzhelm bekommt, dann sagt und tut man Dinge, die man nicht sagen sollte. Das ist nicht gut, aber es ist menschlich.“

Zum Glück findet wenigstens die PR-Abteilung die richtigen Worte.

QUELLE

Geräusch zwischendurch

Eigentlich wollte ich hier auf diesem Blog noch ein wenig ausgiebiger die Werbetrommel für das Claws Of Saurtopia Noisefest rühren. Aber wie das eben geht, das Schweinesystem hat mich momentan fest am Wickel, vor lauter Alltag bleibt kaum noch Zeit über, und dann hat mensch auch nicht immer Lust drauf, auf Tastaturen rumzuhacken und sich spritzige Formulierungen aus den Hirnwindungen zu saugen. Stattdessen also hier und jetzt eine kleine Nachbereitung. (Die im Folgenden genannt Bands sind natürlich, das muss ich betonen, ziemlich willkürlich aus einem Berg an Gutem herausgegriffen.)

Der Freitagabend begann eher unspektakulär, mit allerlei Mathrock-Gefrickel, das mich vorerst nur zum Abwarten und Biertrinken motivierte… Es dauerte eine Weile, bis ich meine Grundstumpfigkeit und den Wunsch, mich umgehend zum Schlafen in die nächste Ecke zu legen, überwunden hatte. Aber das Durchhalten lohnte sich, denn spätestens bei 2 Boules Vanille wurde es dann sehr, sehr gut. Zwei Drummer, die sich in der Mitte des Publikums aufbauten, um dann mit ihren Schlagzeugen und einigem elektronischen Hilfsgerät die nächste halbe Stunde mit schwitzigem, tanzbarem Geklöngel und Tamtam zu füllen. Das war laut und mitreißend und brachte mit einem Schlag all die Symptome eines verdammt guten Livekonzerts mit sich: Bewegungsdrang, blödes Grinsen im Gesicht und das angenehme Gefühl, hier mal zu genau der richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Die Schweizer Lem Phago eröffneten den zweiten Abend, der damit von der ersten Sekunde an gelungen war. Instrumentalmusik. Ein schnarziger Bass, ein Schlagzeug, das vor lauter Tatendrang fortwährend über die eigenen Füße stolpert, während die Gitarre sich obendrüber lässig in die Kurven legt. Ist das Post-Rock? Jazzcore? Auf einem älteren Tourplakat der Band kam mir mal der Begriff „Grindpop“ unter die Augen. Das ist nicht nur eine herzallerliebste Beschreibung, wie ich finde, sondern passt vermutlich auch am Besten zu dem Sound, den Lem Phago spielen: Zerhackt und unruhig, aber eben auch freundlich und einladend. Feine kleine Musik. Hoffentlich spielen die bald wieder mal in Leipzig…

Teledentente 666 erfreuten dann etwas später mit charmant zerzauster Lo-Fi-Elektronik. Das hat mensch schon öfter gehört, ist aber in dieser Form allemal frisch und unterhaltsam. Hier glibbert eine gute Portion Rock´n´Roll zwischen den Schaltkreisen herum, und nebenbei dürfte die Chose noch düster genug sein, um den meisten WGT-Grufties schrille Schreie des Entsetzens zu entlocken. Mir gefällt so etwas natürlich.

Llamame La Muerte waren dann der ideelle Anschluss – zumindest für mich, ehe ich betrunken und zufrieden in den grauenden Morgen stolperte und mich auf den Heimweg machte. Eine famose Band… Der Gitarrist sah mit seiner gedrungenen Gestalt, Halbglatze und kurzer Hose aus wie ein ehemaliger Landesmeister im Gewichtheben, direkt vom Hanteltraining auf die Bühne gestolpert, überzeugte jedoch durch souveräne Handhabung seines Instruments, mit dem er einen erstaunlich breitflächigen Sound produzierte. Mit ein-zwei Akkorden kommt mensch tatsächlich ganz schön weit, wenn man sie einfach mal laufen lässt, im richtigen Moment den Rhythmus ein wenig variiert usw. … Llamame La Muerte wissen wie das geht. Das ist Stadionrock, auf alltagstaugliches Punkrockkeller-Format runtergebrochen. Rock´n´Roll in einer Form, in der er problemlos auch die nächsten hundert Jahre überdauern dürfte. Und natürlich eine ganz famose Band, wie gesagt. Guckt mal auf deren Website, da lässt sich auch das letzte Album kostenlos herunterladen, oder drückt einfach mal beim untenstehenden Video auf „Play“.

How To Tell People They Sound Racist

Kleiner Nachtrag zur N-Wort-Debatte… (Läuft die eigentlich noch, sofern sie überhaupt richtig in Gang gekommen ist? Hmm, vielleicht bei Twitter…) Der junge Mann mit den vertrauenerweckenden Augenbrauen nennt sich Jay Smooth, moderiert eine Hip-Hop-Radiosendung und betreibt einen ziemlich empfehlenswerten Video-Blog. Hier gibt er in einer tatsächlich ebenso smoothen wie smarten Art ein-zwei nützliche Hinweise, welche Abwege mensch bei Rassismus- und ähnlichen Debatten besser mal vermeiden sollte.