Archiv für August 2013

Fotografie

Sie wollen keine Bilder der Unterdrückung, denn diese sind wüst. Auch teilweise verwischt, obschon sie jede Phase vorführen. Von ihnen zu reden, ist ein Wagnis, weil, da sie die angewandte Methode zeigen, dieselbe unversehens auch gegen den unvorsichtigen Kameramann, den unbedenklichen Fotografen benutzt werden kann: es handelt sich ja um die optische Dokumentation der Defäkation innerhalb eines politischen Systems, auf Deutsch: Wie die oben die unten bescheißen, leicht verwackelt, dafür aber in Farbe.
Es sind jene Fotografien, die inhaltlich den allgemein bekannten und veröffentlichten entgegengesetzt erscheinen, ohne jedoch etwas grundsätzlich anderes darzubieten. Die seriösen Hosen hinter Balustraden heruntergelassen, die Miene träumerisch oder konzentriert, die bekannten weitschauenden und gütigen Blicke über die Köpfe der Opfer gerichtet, die mit offenen Mündern, angeschnallt oder festgenagelt, das ist nicht genau erkennbar, ihr Teil abbekommen. „Warum essen die Armen nicht Kuchen?“, soll Marie Antoinette am Vorabend der Revolution gefragt haben, als die Hungernden bis Trianon vordrangen, und seitdem weiß man, irgend etwas muß man ihnen zu kauen geben und sei es Vorgekautes und Vorverdautes – auf diese Weise wird nämlich ihre Beschwerde, ihr Aufmucken wesenlos: Bitte, ihr habt ja was gekriegt, dasselbe, das wir hatten, es gibt keine Unterschiede, wie ihr seht, die Gleichheit ist verwirklicht, die Diskussion beendet!
Immer schon lebt eine Ahnung, nicht das sei Perversion, was sich insgeheim zwischen wenigen, meist nur zweien, begibt, sondern was in aller Öffentlichkeit vor jedermanns Auge sich abspielt, aber dergestalt, daß man es für etwas anderes hält, nämlich für ein besonders inniges Verhältnis vertikal aufeinanderbezogener Menschengebilde statt für den besagten Akt, dessen Wahrheit kenntlich zu machen eine außerordentliche Optik notwendig ist.

(aus: Günter Kunert, „Verspätete Monologe“)

Sechzig Grad nördlicher Breite

Und noch einmal Gitarren-Wave. Ich hab da irgendwo ´ne weiche Stelle für so pathetische Rockmusik mit feinmotorischen Delay-Gitarren… Sixtieth Parallel waren eine Band aus Kalifornien, musikalisch sind die Chameleons oder auch die frühen U2 wohl die naheliegendsten Vergleichsgrößen. Anders als bei den Letztgenannten werden wir hier glücklicherweise nicht mit christlich grundiertem Erlösungs- und Erweckungsgedöns genervt. Sixtieth Parallel pflegen eher so einen verspult-romantischen Unterton, wie ich ihn z.B. auch bei Echo & The Bunnymen sehr schätze. Die Band lernte sich durchs Fußballspielen kennen (ziemlich sympathisch – in den USA ist Fußball ja eher eine Nerd-Sportart) und brachte 1988 eine EP, „Into Bliss“, heraus. Das blieb dann wohl auch die einzige Veröffentlichung, aber die Hit-Dichte auf der Platte ist bemerkenswert hoch. Das Lied hier heißt „Trust“ und trifft mich gerade ziemlich passgenau an meiner weichen Stelle…

Schweizerische Kleinstadt

Junge, was für ein schönes Lied… Über die Band Red Rain Coat ist nicht viel in Erfahrung zu bringen (selbst die offizielle Myspace-Seite gibt nicht viel an Informationen her), außer dass sie aus der Schweiz stammte, genauer aus Luzern. Der Song hier ist von ihrer ersten Single, „In Between The Fronts“, die 1987 erschien. Später gab es noch eine EP, 1990 dann ein Album von der Band.
„Small Town“ ist auf jeden Fall ein echter kleiner melodischer Gitarren-Wave-Hit, bei dem mir glatt das Herz aufgeht. Bei Gelegenheit sollte irgendwer der Band mal bitteschön eine Million Mark in bar schenken für dieses Lied (notfalls könnte man ja die Drittvilla von Bono Vox versteigern, um das Geld zusammenzukriegen). Mir hat es besonders der Bass angetan, der hier in ziemlich cleverer Weise das harmonisch Naheliegendste vermeidet und sich hübsch an den filigranen Gitarren reibt. Und junge Menschen, die Lieder über trostlose Kleinstädte singen, haben bei mir ohnehin einen Stein im Brett – die Kleinstädte waren ja in den 80ern bekanntlich noch viel trostloser als heute…