Archiv für Oktober 2013

„Die schlimmste humanitäre Krise seit sechs Jahrzehnten“…

…seit dem 2. Weltkrieg also, so bezeichnet das Rote Kreuz die aktuelle Lage in Europa. Laut einer gerade veröffentlichten Studie des IFRC haben 43 Millionen Menschen in Europa nicht die Mittel, um sich mit Essen zu versorgen. Schon krass… Man hätte ja immerhin meinen können, dass der Kapitalismus (bei all den Zumutungen, die er täglich bereithält) es doch immerhin geschafft hätte, das grundlegende Amutsniveau so weit anzuheben, dass so etwas nicht mehr möglich ist. Allgemeines Wachstum, technischer Fortschritt y´know, und der gern beschworene „trickle-down“-Effekt, also die Behauptung, dass auch für die unterste Stufe noch was abfällt, wenn am oberen Ende nur ordentlich Profit gescheffelt wird. Und überhaupt: Hatten wir diese Art von Problemen nicht schon vor Jahrhunderten erfolgreich nach Afrika, Asien und Südamerika outgesourct?! Nein, anscheinend nicht… Und es sieht nicht so aus, als wäre nach fünf Jahren jetzt endlich mal Schluss mit weltweiter Wirtschaftskrise.
Immerhin tritt in solchen Krisen besonders deutlich zu Tage, nach welchen Prinzipien die Marktwirtschaft funktioniert und wie illusorisch all das BWL- und VWL-Gequatsche von „Angebot und Nachfrage“ ist. Kein kapitalistisches Unternehmen verfolgt das Ziel, die Menschen mit nützlichen Gegenständen und Dienstleistungen zu versorgen – das steht nur an zweiter Stelle, ist Mittel zum Zweck des Gewinnerzielens. Der Hunger in Europa resultiert ja nicht daraus, dass nicht genügend Lebensmittel vorhanden sind. Ebenso wie in Spanien, den USA und anderswo die Leute sicher nicht deswegen ihr Obdach verlieren, weil es zu wenig verfügbaren Wohnraum gibt. Ein passendes „Angebot“ zur Nachfrage findet sich eben nur dann, wenn es sich um zahlungskräftige Nachfrage handelt. Das ist weder ein Grund zum Jubeln noch dafür, Kautskys Verelendungstheorie (wenn die Leute nix mehr zu beißen haben, machen sie Revolution) aus der Mottenkiste zu kramen. Zugleich gibt es keinen Grund zu der Annahme, dass der Standort Deutschland auch künftig noch „verhältnismäßig gut“ durch die Krise kommen wird – sobald die Absatzmärkte für die deutsche Exportwirtschaft wegbrechen, sind wir hier wohl mit ähnlichen Zustände konfrontiert. Schwierig, da noch ein halbwegs optimistisches Schlusswort zu finden. Ich versuch es trotzdem, denn wie lautet doch die alte Bauernregel: Jede Krise ist auch eine Gelegenheit.

Collagen von Ror Wolf

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No regrets, no sad songs…

Draußen regnet es gerade, da passt es, mal wieder melancholische Musik anzumachen. Auch in Frankreich wurde in den 80er Jahren solche Musik gemacht – „Coldwave“ nannte man das dort und damals. Wenn ich richtig informiert bin, handelte es sich dabei wohl eher um ein kleinstädtisches Phänomen. Während sich in Paris kaum wer für diesen Sound interessierte, gab es in der Provinz eine rege Szene dafür. Aber Wavemusik und kleine Städte, das geht eh gut zusammen, wie ich hier früher irgendwo schon mal bemerkte…
Jedenfalls brachte der französische Untergrund eine Reihe bemerkenswerter Bands hervor, wie z.B. Siglo XX, Guerre Froide, Little Nemo, und neben hundert anderen eben auch Asylum Party. Diese Band gründeten sich 1985 und lösten sich 1990 wieder auf – sonst ist nicht viel überliefert, außer eben einem ganzen Haufen schöner Lieder, den sie in der Zwischenzeit schrieben. Zum Beispiel dieses hier:

Faszinierend übrigens, wie aufbauend sich solche tendenziell traurige Musik doch aufs Gemüt auswirkt. Aber die Melancholie kommt hier auch ganz ohne Selbstmitleid daher – ich meine, allein schon der Refrain sagt in dieser Hinsicht alles:

No regrets
No sad songs
Every day
Pure joy in my heart…

Und weil´s so schön war, hier noch ein Video als Dreingabe. Ist jedenfalls witzig, die Typen zu sehen. Man beachte vor allem die spektakulär unspektakuläre Performance des Keyboarders, der die meiste Zeit über nicht mal die Hand auf den Tasten hat und es in vier Minuten genau zweimal schafft, an seiner Zigarette zu ziehen. Ganz groß.

Musikalische Vorfälle in Linz

In einem Galakonzert saß ein anerkannter, vornehm gekleideter Mann neben mir, der im Weltkrieg eine gewisse Rolle gespielt hat. Das Haus wurde dunkel und das Konzert begann. Aus dem Orchesterraum hoben sich hauchend die ersten Celloklänge des Vorspiels, als plötzlich neben mir eine Stimme rief: lauter bitte! Eines Tages, als man wieder zu einem Konzert versammelt war, erschien der gleiche Mann im Saal, hob sofort einen kleinen verzierten Revolver und schoß mit den Worten: diese Musik ist entsetzlich auf den verwunderten Dirigenten, den Kapellmeister Gussmann. Von den verschiedenen Arten, Musik zu hören, sind mir diese beiden als die sachlichsten und entschiedensten in Erinnerung geblieben.

(aus: Ror Wolf: „Nachrichten aus der bewohnten Welt“, Frankfurter Verlagsanstalt 1991)

Nächtliches Aufschreien

Ein Mann wurde in einen Wald gelockt und dort niedergeschlagen. Als er erwachte, lag er in einem Keller. Er wunderte sich, zumal ein Mann vor ihm stand, der im Begriff war, ihn niederzuschlagen. Als er erwachte, in einer leeren Fabrik, bemerkte er, wie ihm ein Mann eine Flüssigkeit in den Mund goß. Er schlief lange, und als er erwachte, befand er sich in einem schönen Hotel, erkannte auch einen Mann, der sich anschickte, ihn niederzuschlagen, so daß er wenig von seiner Umgebung empfand. Als er erwachte, lag er in einem Wald, er sah keinen Mann weit und breit, war zufrieden und schleppte sich zu einer Brücke. Auf diesem Weg kam ein Mann auf ihn zu, der ihn niederschlug. Danach fiel er in einen Fluß und ging unter. Die Geschichte wird auch ganz anders erzählt, das sollte uns aber nicht stören.

(aus: Ror Wolf: „Nachrichten aus der bewohnten Welt“, Frankfurter Verlagsanstalt 1991)