Archiv für Januar 2014

Der Kommunismus und das Thier

Das Grosse Thier ist ein Heft, welches wohl bis vor einiger Zeit noch in Frankfurt a.M. beheimatet und scheinbar nun in die Provinz – nach Halle an der Saale1 – abgewandert ist. Die Hintergründe dieses Umzugs sind mir schleierhaft. Als positiver Nebeneffekt ergab es sich immerhin, dass auch ich mal eine Printausgabe in die Hand bekam und mich spontan angesprochen fühlte – z.B. von diesem kurzen Text, abgelegt unter der Rubrik „Vermischtes“:

Ein Kennzeichen der bizarren Zeit, in der wir leben, und der Sorte Mensch, die es hervorbringt, ist, dass zu sehr konkreten Dingen Fragen gestellt werden können, als ob sie rein hypothetisch wären; und kein Volk ist hypothetischer als die Linken, ausgenommen vielleicht die Deutschen. Wie man zur Revolution in Ägypten stünde? ist solch eine Frage, in der ein Ereignis, das tatsächlich stattfindet, bereits vorweg aufgefasst wird als ein erst einmal hypothetisches, von der selben Art wie die Gesinnungsprüfung, denen vor Zeiten die Wehrverwaltung die Kriegsdienstverweigerer unterwarf: stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Maschinenpistole… Man hat aber keine. Und die Revolution ist eine Realität. Man mag sie im Übrigen so wenig mögen wie den Rest der Realität. Aber es hat begonnen. Und es endet nicht einfach dadurch, dass man gescheite Bemerkungen darüber austauscht, dass „es“ in dieser Revolution ja nicht um „Freiheiten“ oder ein besseres Leben ginge, sondern bekanntlich um die „Herrschaft der Mehrheit“ oder um „die Islamisierung“. Man bringe solche Kalenderweisheiten bei den Millionen Ägyptern unter, die der zufälligen Ansicht sind, dass man dann eben machen muss, dass es um Freiheiten und ein besseres Leben geht; wie es von Anfang an auch gewesen ist.

So einfach der Gedanke ist, ist es doch schön zu sehen, dass ihn jemand ausspricht. Und trotz seiner Einfachheit ist er scheinbar immer noch zu kompliziert für Leute, die sich im ersten Schritt von der eigenen Ohnmacht und dann im zweiten von der eigenen Intelligenz haben dumm machen lassen. Ein Beispiel? Roger Behrens in der Jungle World, der bei ungefähr demselben Thema vor lauter Abstraktionsvermögen kaum einen klaren Gedanken mehr fassen kann:

Der Utopieverlust schlug auf das zurück, was einmal als revolutionäres Subjekt bezeichnet wurde: nämlich ein sich geschichtlich konstituierendes Subjekt, das sich zugleich durch die Fähigkeit, seine eigene Geschichte zu machen, als Subjekt ermächtigt (beziehungsweise emanzipiert). Theoretisch wie praktisch war der Anspruch auf Revolution in diesem Sinne aufgegeben. Mehr noch: Theoretisch wie praktisch war auch das Subjekt suspendiert. Hardt und Negri füllten mit dem von ihnen starkgemachten Begriff der Multitude (übersetzbar mit Menge) insofern keine Leerstelle, sondern bündelten in aller Vagheit weitgehend ziel- und richtungslose Proteste.
Bis Seattle 1999 und Genua 2001 konnte diese Theorie immer noch als notwendige Ergänzung zu globalen und globalisierungskritischen Bewegungen verstanden werden: Im Kern war die Multitude noch immer „links“, „antikapitalistisch“, „sozialistisch“ – auch wenn immer mehr Rassisten, Antisemiten, Religiöse, Fanatiker, Spinner und aufgebrachte Wutbürger die Menge zur Meute machten.
Dass diese Protestbewegungen irgendwie „links“ (das heißt politisch emanzipatorisch) seien, gehört jedoch nicht mehr unbedingt zu ihrem Selbstverständnis. Was ihnen bei allen Unterschieden gemeinsam ist: Sie brauchen keine Theorien, die ihnen erklären, wie revolutionär, wie subversiv und widerständig, wie nah am Kommunismus sie sind. Dass man sich auf weitgehend theoriefreie Machwerke wie „Der kommende Aufstand“ oder Hessels „Empört Euch!“ kapriziert, kommt nicht von ungefähr. Allenfalls geht es um eine dumpfe Rechtfertigung des Aktionismus, wie es am sympathischsten vielleicht noch David Graeber mit „Direkte Aktion“ gelungen ist.
Ohnehin bleibt fraglich, ob diese Proteste, die um das Jahr 2011 gruppiert werden, sich überhaupt als im emphatischen Sinne soziale Bewegungen formieren, aus denen tatsächlich so etwas wie geschichtsmächtige und Geschichte machende, nämlich nach Marx’ und Engels’ Kommunismus-Definition „wirkliche Bewegungen“ entstehen könnten. Doch solche Kritik irritiert den linkspopulistischen Theorieoptimismus, für den, allen voran und vor allem laut im bürgerlichen Feuilleton hörbar, Slavoj Žižek skandiert: „Die lange Nacht der Linken geht jetzt zu Ende!“ Alain Badiou pariert, ruft das „Volk“ an und glaubt als alter Maoist an das „Erwachen der Geschichte“. Jeder Aufstand ist ihm ein „Geschichtszeichen“ für die Wiederkehr der „Idee des Kommunismus“. John Holloway konterkariert dies, sieht in der Summierung aller erdenklichen Widerstände „den Kapitalismus aufbrechen“. Hinzu kommen die pseudotheoretischen Verbrämungen obskurer Kämpfe und idiosynkratischer Widerstände (zum Beispiel queer politics) im Verbund mit Umdeutungen reaktionärer „Bewegungen“ (Islamismus).
Bei allen Zurechtdeutungen, wo und wie beim sogenannten Arabischen Frühling, bei „Occupy“, bei Geschlechtsumwandlungen, beim Urban Gardening oder der Stadtteilpolitik nun die „Idee des Kommunismus“ aufscheinen soll, bleibt die theoretisch radikale wie praktisch konkrete Bestimmung dieser Idee vollständig ausgespart – und das nicht zuletzt, weil die hier zum Konglomerat internationaler Protestbewegungen zusammengezurrte Opposition ohne jeden kritischen Begriff von Gesellschaft bleibt.

Das Hauptproblem aller heutigen Revolten besteht also darin, dass Alain Badiou so viel Unsinn darüber schreibt. In der Überzeugung, dass es vor allem die „Idee des Kommunismus“ sei, worauf alles ankommt, ist sich Behrens mit seinen Kontrahenten allerdings einig und zieht daraus die (aus seiner Sicht) einzig logische Schlussfolgerung: Die „Idee“ fehlt, drum sind die wirklichen Bewegungen einfach nicht wirklich genug!
Die heutige Linke, vor allem die deutsche, ist tatsächlich ziemlich hypothetisch…

  1. Schön auch die Definition, die Autor Kai von diesem provinziellen Aufenthaltsort gibt: „Halle ist eine Stadt im Osten, die sich Leute ausgedacht haben, die irgendwo mal gehört hatten, was eine Stadt ist, aber nicht begriffen haben, wie so etwas funktioniert.“ [zurück]

Die Ferengi-Partei grüsst

Ja, ich habe lange nichts mehr gepostet. Während die digitale Revolution ihre Kinder frisst, war ich in den letzten Monaten schwer beschäftigt, u.a. damit Katzen zu streicheln, Marmorkuchen zu backen und gelegentlich sehr ausdauernd die Wände anzustarren. Nix gegen Web 2.0, aber die gute hausbackene analoge Realität hat auch einiges zu bieten!
Also nein, ich habe diesen Blog hier noch nicht an den Nagel gehängt. Im neuen Jahr wird zwar nicht alles besser, aber eben doch irgendwie anders. Hier mal zum Neustart ein wenig politisch-satirische Plakatkunst. Hat mich zum Lachen gebracht, klappt bei euch vielleicht auch: