Freiheitlich-demokratisches Liedgut

Der Untergang des Abendlandes bzw. dessen Verteidigung macht auch vor Leipzig nicht halt. Die Punktauswertung für die erste LEGIDA-Demonstration, die am Montag, den 12.1. stattfand, scheint dabei ziemlich eindeutig: Rund 3000 Menschen beteiligten sich an dem Aufmarsch. Ihnen gegenüber standen etwa 30.000 Gegendemonstrant_innen (darunter auch ich), die sich dem Marsch der patriotischen Europäer in den Weg stellten. „Für Toleranz“, mit buntem, kreativem und vor allem friedlichem Protest – man kennt das ja.
Also alles klar, könnte man meinen. Die offene Gesellschaft wurde wieder einmal erfolgreich gegen ihre Feinde verteidigt. Wobei allerdings diese Operation, den Status quo gegen die (zweifellos unsympathischen) „Auswüchse“ zu verteidigen, die er selbst regelmäßig hervorbringt, so in sich widersprüchlich ist, wie die üblichen demokratischen Abgrenzungsrituale befremdlich sind, wenn man sie näher betrachtet. Dazu war ich zeitweilig auch gezwungen, als ich mich entgegen meines ursprünglichen Vorhabens, mich mal geschmeidig durch die Menge zu schlängeln, vielmehr minutenlang in dieser eingekeilt fand. In dieser Zwangslage sah ich mich genötigt, der Performance von Sebastian Krumbiegel zu folgen, die hier im Video dokumentiert ist.

Die persönliche Integrität von Herrn Krumbiegel will ich gar nicht in Frage stellen – der Mann engagiert sich schon seit Dekaden „gegen rechts“, meint es also offensichtlich ernst und ehrlich. Und natürlich ist der Song kein 50seitiges Theoriepamphlet. Dennoch schafft es Sebastian Krumbiegel, trotz der Kürze des Textes, ziemlich viel Unsinn hineinzupacken.
Das beginnt schon bei den ersten beiden Zeilen: „Kein Mensch hat Lust auf Ärger / kein Mensch ist illegal“. Das erste ist eine Tatsachenfeststellung, die binsenhafter nicht sein könnte – klar, kein Mensch hat Lust auf Ärger. Dass kein Mensch illegal ist, ist dagegen bei weitem nicht so klar. Eher im Gegenteil: Tatsächlich klassifiziert das demokratische Staatswesen alle nasenlang Menschen als „illegal“, wenn sie sich unerwünscht auf seinem Territorium aufhalten. In seinem ursprünglichen Kontext dient der Satz „Kein Mensch ist illegal“ auch genau dazu, dies als Tatsache zu benennen und zu skandalisieren. Krumbiegel nimmt die Aussage dagegen schlicht als Fakt.
Aber gut, er redet ohnehin nur „mal so von Mensch zu Mensch“. Kompliziertere soziale Verhältnisse wie z.B. das Verhältnis von Mensch und Staat tauchen also in seinen Überlegungen gar nicht erst auf. Und auf Logik kommt es ihm wohl eh nicht an – es ist schon schwierig genug, es so hinzubiegen, dass sich alles reimt. Wahrscheinlich wollte Krumbiegel beim Texten nur auf den abschließenden Kehrreim hinaus: „Wir sind doch international.“
Mit „wir“ ist hier a) das weltoffene Leipzig, und b) der weltoffene Sebastian Krumbiegel gemeint. So redet er im Rest des Songs auch hauptsächlich von seinem Dasein als Tourist, wo er überall schon war (New York, Tokio) oder noch hin will (in Rio, „aber das mach ich auch noch klar“).
Für Illegalisierte oder syrische Bürgerkriegsflüchtlinge stellt sich die Sachlage wohl nicht ganz so entspannt dar. Und auch die LEGIDA-Demonstrant_innen dürften sich kaum von ihrer Abneigung gegen bestimmte Menschengruppen abbringen lassen, nur weil Sebastian Krumbiegel schon mal im Ausland war. Im Ausland waren sie sicher auch schon mal – das hält im Zweifelsfall niemand davon ab, rassistische Vorurteile zu hegen oder auf die eigene Nation stolz zu sein. Es bleibt beim guten Zureden „von Mensch zu Mensch“: Seid tolerant, seid nett zueinander. Soziale Konflikte werden zu Fragen der persönlichen Einstellung heruntergebrochen. Und letztlich soll das „Courage zeigen“, „Farbe bekennen gegen rechts“ usw. ohnehin nur die eigene Identität bestärken: „Wir sind doch international“, also weltoffen und tolerant und gute Demokrat_innen, während die anderen eben engstirnig, intolerant und undemokratisch sind.
Mit so einer Identität kann man sich natürlich wohlfühlen. Man könnte sich aber auch fragen, wie denn „die anderen“, in diesem Fall also die LEGIDA-Demonstrant_innen, zu ihren Ansichten kommen. Und bevor man sich daran macht, den Status quo gegen seine eigenen Auswüchse zu verteidigen, könnte man sich auch über diesen mal ein paar Gedanken machen. Die „offene Gesellschaft“ ist immerhin auch eine Klassengesellschaft, die sich im Alltag (z.B. auf dem Arbeitsamt) nicht immer so nett ausnimmt wie auf lauschigen Demonstrationen für Toleranz.
Dreist gesagt ließe sich ja auch der Rassismus als Klassenfrage bestimmen: Bestimmte, vermeintlich natürliche Merkmale, wie z.B. die Hautfarbe, werden als Begründung benutzt, um bestimmten Menschengruppen eine bestimmte Position in der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zuzuweisen. Und wenn diese dann tatsächlich in der zugewiesenen Position sind, soll dafür wiederum ihre genetische Ausstattung, Hautfarbe, „Rasse“ die Ursache sein, und nicht etwa die gesellschaftlichen Verhältnisse.
Um hier also mal ein wenig Küchenpsychologie zu betreiben: Wenn die LEGIDA-Demonstrant_innen bestimmte Menschengruppen verteufeln und abwerten, dann reden sie dabei immer auch über ihre eigene Stellung in der Gesellschaft. Man könnte hierin einen typischen Verdrängungs- und Verschiebungsvorgang sehen. Einerseits fühlen sie sich in ihrer gesellschaftlichen Stellung nicht wohl (sonst würden sie wohl nicht demonstrieren), andererseits fürchten sie sich vor dem Abstieg. Aus dem Dilemma, mit der eigenen Position unzufrieden zu sein und sie gleichzeitig um jeden Preis verteidigen zu wollen, flüchten sie sich, indem sie das Problem verdrängen und sich ersatzweise ein neues schaffen, das sich scheinbar leichter und widerspruchsfreier händeln lässt: Werteverfall, unkontrollierte Einwanderung, islamische „Unterwanderung“ der Gesellschaft etc. pp.
Gerade weil die Äußerungen der PEGIDA-Bewegung inhaltlich eher irrational anmuten, lässt sich davon ausgehen, dass ihnen ein ernstes Bedürfnis zugrunde liegt. Das wird man den Leuten wahrscheinlich auch mit den besten Argumenten nicht ausreden können. Nur ist es letztlich das kleinste Problem, dass die landläufige „Kritik“ an PEGIDA dermaßen argumentfrei daherkommt – im Alltag der real existierenden Demokratie kommt es ohnehin weniger auf Argumente, sondern vielmehr auf Koalitions- und Mehrheitsfähigkeit an. Wenn sich Politiker_innen zum Thema äußern, läuft das meist auf die bloße Forderung nach konformem Verhalten hinaus: Die Minderheit soll sich – zum Wohle der Nation – der Mehrheit unterordnen. Inhaltlich ist das ziemlich beliebig. Die Forderung wird in ähnlicher Form immer wieder erhoben, sobald nur irgendwas die reibungslosen Abläufe stört: Ob nun Sigmar Gabriel der GdL vorwirft, sie würde das Streikrecht missbrauchen und es am nötigen Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Standort Deutschland fehlen lassen, oder ob Justizminister Heiko Maas die PEGIDA-Bewegung als „Schande für Deutschland“ bezeichnet, scheint in dieser Hinsicht fast austauschbar zu sein.
Auch das gehört zum Alltag der realen Demokratie. Das Wohlergehen der Nation ist der oberste Maßstab, an dem sich die Parteien ausrichten, wobei das Ergebnis ziemlich klar ausfällt: Die Hartz-IV-Gesetze waren gut für den Standort Deutschland – Lokführer-Streiks sind es nicht. Geregelte Einwanderung von „Ausländern, die uns nützen“, ist gut, während seltsame Bewegungen, die im Ausland ein schlechtes Image erzeugen, eben schlecht sind. So wirft Heiko Maas eben als guter Nationalist den Nationalist_innen von PEGIDA vor, nicht ordentlich nationalistisch zu sein (was diese natürlich auf die Palme bringt).
Ebenso ist es fast gleichgültig, ob z.B. Bild-Zeitung nun gegen die GdL oder gegen PEGIDA Stimmung macht (im Fall von PEGIDA natürlich etwas inkonsequent). Auch hier ist die Kritik weitgehend inhaltsleer. Wenn die Bild z.B. 80 Prominente zusammensucht, die sich gegen PEGIDA äußern, kommt es gar nicht darauf an, ob eine dieser Personen etwas Sinnvolles zu sagen hat. Wichtig ist hier zweierlei: Sie sind prominent, und sie sind viele.
Das Problem betrifft natürlich nicht nur die bürgerliche „Mitte“ – auch die vermeintlich autonome Antifa unterscheidet sich davon oft nur durch den Dresscode und den Fakt, dass sie sich zum Wohle der „offenen Gesellschaft“ notfalls auch mit dem staatlichen Gewaltmonopol anlegt. Soviel Mühe müsste man sich gar nicht machen. Solange sich schon Sebastian Krumbiegel, die Bild-Zeitung und Justizminister Maas um die Verteidigung des Status quo kümmern, könnten alle anderen getrost mal drüber nachdenken, ob ihnen nicht noch etwas Besseres einfällt.


1 Antwort auf „Freiheitlich-demokratisches Liedgut“


  1. 1 genova 19. Januar 2015 um 9:56 Uhr

    Guter Text, danke.

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