„Das gute alte Noch-nie-Dagewesene“

Auf diese schöne Wendung stieß ich letztens bei Günther Anders1 – den ihr bei Gelegenheit auch mal lesen solltet, wenn ihr es noch nicht getan habt. Bei seiner Untersuchung der modernen Massenmedien in ihrem Verhältnis zur Wirklichkeit stellt Anders fest, dass es

nichts Stereotyperes gibt als das angeblich täglich Neue, und nichts, was dem super-mysteriösen Mord von gestern auf so ununterscheidbare Weise gliche wie der super-mysteriöse Mord von heute. Wahrhaftig, würde ein Historiker in hundert Jahren versuchen, sich aus der Blütenlese, die die illustrierten Blätter als „Wirklichkeit von heute“ anbieten, ein Mosaik unserer heutigen Zeit zusammenzusetzen, er würde nicht nur zu einem im allgemeinen absurden, zu einem viel zu haarsträubenden, sondern zugleich auch zu einem viel zu langweiligen Ergebnis kommen.

Weil aber Langeweile genau das ist, was die Medien mit ihrer Berichterstattung auf gar keinen Fall hervorrufen wollen, muss eben jedes neue aufsehenerregende Ereignis, das in der Wirklichkeit stattfindet, dem stereotypen Schnittmuster der medialen „Sensation“ angepasst werden.
Das ist auch den „Ereignisse von Köln“ widerfahren2. Wobei sich sarkastisch sagen ließe, dass das „Ereignis“ hier vor allem in der nachfolgenden Berichterstattung selbst liegt – es ist tatsächlich ein Ereignis, dass über sexuelle Übergriffe auf den Titelblättern überregionaler Tageszeitungen berichtet wird, und nicht nur (wenn überhaupt) im Regionalteil. „Noch nie dagewesen“ ist in diesem Fall weniger das Ereignis selbst, sondern vielmehr das von ihm hervorgerufene mediale Echo. Sexuelle Übergriffe aus Menschenmengen heraus hat es – leider! – schon früher gegeben. Auch sexuelle Übergriffe, die von Menschen nicht-deutscher Herkunft verübt wurden – was deswegen schlimm ist, weil es sich um sexuelle Übergriffe handelt, nicht deswegen, weil die Täter dabei den falschen Pass in der Tasche trugen.

Damit sind wir schon beim Knackpunkt angelangt: der Doppelmoral, die aus vielen Äußerungen heraustrieft. Nehmen wir als Beispiel mal den nonkonformistischen Spiegel-Kolumnist und berufsmäßigen Linkenfresser Jan Fleischhauer her. Der schrieb:

Man darf gespannt sein, welchen Raum die Silvesternacht vor dem Kölner Hauptbahnhof in der Berichterstattung einnehmen wird. Es handelt sich bei den Tätern nach allem, was man weiß, nicht um Syrer, sondern um Marokkaner und Tunesier, aber das macht die Diskussion nicht viel einfacher. Als der damalige FDP-Fraktionsvorsitzende Rainer Brüderle vor drei Jahren einer „Stern“-Redakteurin ein schiefes Kompliment machte, das diese als unangemessen empfand, war das zahllosen Talkrunden Anlass genug, die sexuelle Belästigung von Frauen zu behandeln.3

Wir dürfen annehmen, dass Fleischhauer beim Verfassen dieser Zeilen hämisch in sich hineingrinst hat – wobei er freilich clever genug war, auf die Verwendung von Smiley-Icons zu verzichten. Und natürlich ist ein gewisses Schema zu erkennen, wann unser wackerer Querdenker sich sehr deutlich für sexuelle Belästigung interessiert und wann eher nicht. Seine Rolle als Stichwortgeber der nachfolgenden aufgewühlten „Debatte“ erfüllt Fleischhauer jedenfalls ausgezeichnet, wobei deren stillschweigendes Motto wohl ungefähr so lautet: „Was die sich hier herausnehmen!“

Empörend scheint eben vor allem zu sein, dass die sich so etwas herausnehmen, und nicht, dass überhaupt irgendwer so was tut. Die Täter werden als Teil eines Kollektivs wahrgenommen, als „Fremde“, und vor allem darum erscheint ihr Tun so abscheulich – was im Umkehrschluss nahelegt, dass sexuelle Übergriffe irgendwie weniger schlimm zu sind, sofern sie nur von Deutschen begangen werden4. Die anderen sind eben fremd hier, „die haben kein Recht, sich so zu verhalten!“
Ja, selbstverständlich haben sie das nicht. Rein rechtlich gesehen hat sowieso niemand ein Recht darauf, gegen Gesetze zu verstoßen. Die Täter von Köln haben Straftaten begangen; die sollten nach Möglichkeit geahndet werden, Punkt. Vom Standpunkt des Gesetzes aus kommt es nicht darauf an, wer da gegen das Gesetz verstößt.
Und vom moralischen Standpunkt aus lässt sich ungefähr dasselbe sagen: Verwerflich ist das Tun der Täter, nicht ihre Nationalität. Es gibt da kein moralisches Dilemma, auch wenn Fleischhauer & Co sehr gerne eins konstruieren würden. Sich über Übergriffe zu empören, ist gerechtfertigt, in diesem und in jedem anderen Fall. Widerwärtig wird ein Gutteil der derzeit geübten „Empörung“ dadurch, dass sie sich gerade nicht gegen die Täter, sondern gegen die Gruppe richtet, der die Täter zugerechnet und als deren vermeintliche Repräsentanten sie gesehen werden. Die Ereignisse dienen als Vorwand, um die eigene schlechte Meinung über „die Ausländer“5 mal wieder bestätigt zu sehen – wobei man diese Meinung sowieso schon hat, unabhängig davon, was die Angehörigen dieser Gruppe tun oder lassen.
Dass dabei eine sinnvolle Debatte über sexualisierte Gewalt zustande kommt – über den begrenzten Kreis feministischer Gruppen hinaus, die sich nicht erst seit drei Tagen mit dem Thema befassen –, ist leider nicht zu erwarten. Diese Doppelmoral ist zum Kotzen, aber leider auch keiner Neuigkeit.

[Update vom 11.1.: „Köln war, nach allem, was wir wissen, schrecklich. Es wurden bislang 31 Verdächtige identifiziert, darunter Deutsche, ein Serbe und ein Amerikaner. 18 Verdächtige sind Asylbewerber aus Afrika und dem Mittleren Osten.“ Es geht hier erstmal nur um Verdächtige – mal sehen, was die Ermittlungen ergeben.]

  1. „Die Welt als Phantom und Matrize“, in: Günther Anders, „Die Antiquiertheit des Menschen“ Bd. 1, C.H. Beck Verlag 2002, S. 167 [zurück]
  2. Wobei der werten Journaille im Eifer einige handwerkliche Schnitzer unterliefen, die aber nur dazu beitrugen, das Geschehen noch etwas sensationsgemäßer zu gestalten. Welche das sind, erklärt Elke Wittich „in einfachen, auch für die langsameren unter den Pressevertretern verständlichen Worten“ bei Prinzessinnenreporter. [zurück]
  3. siehe www.spiegel.de/politik/deutschland/fluechtlinge-und-medien-erziehungs-rundfunk-kolumne-a-1070501.html
    Fleischhauer selbst war natürlich auf alles vorbereitet. So schrieb er schon im Oktober 2015: „70 Prozent der Flüchtlinge, die zu uns kommen, sind junge, allein reisende Männer. Soziologen sagen, dass wir uns auf eine „Maskulinisierung“ des öffentlichen Raums einstellen sollten. Sind wir darauf vorbereitet?“
    Es ist natürlich eine erschreckende Nachricht, dass nicht nur herzig dreinschauende kleine Mädchen aus Kriegsgebieten fliehen, sondern auch junge Männer, genauer: junge Männer muslimischer Herkunft! Das geht natürlich nicht – die sollen gefälligst daheim bleiben und sich totschießen lassen. [zurück]
  4. Das soll natürlich keine Unterstellung sein. Bis aus Weiteres gehe ich davon aus, dass Jan Fleischhauer weder Frauen belästigt noch kleine Kinder frisst, also zumindest die groben zivilisatorischen Mindeststandards erfüllt. [zurück]
  5. So, wie der Begriff landläufig verwendet wird, kann man ihn nur in Anführungszeichen benutzen, weil „Ausländer“ selbst eine rassistische Kategorie ist. Ein deutscher Staatsangehöriger mit dunkler Hautfarbe gilt als „Ausländer“, während beispielsweise ein hellhäutiger blonder Däne nicht als solcher erkannt wird. Letztlich wird eben anhand „rassischer“ Kriterien geurteilt, wer Ausländer sei und wer nicht. [zurück]