Augstein im Zweifel

„Im Zweifel links“ nennt Jakob Augstein seine SPON-Kolumne. Ob er selbst nun wirklich ein „Linker“ sei, muss hier und jetzt nicht geklärt werden. Der Begriff „links“ schließt ja von der SPD bis zu irgendwelchen stalinistischen Rentnervereinen alles mögliche ein – wovon ich das meiste aus meiner persönlichen autonomen Graswurzel-Anarcho-Perspektive für eher bekloppt, eklig, nicht zielführend oder irrelevant halte. Da findet sich sicher irgendwo ein Eckchen, wo man den Augstein einsortieren kann…
Man könnte aber auch anders fragen: Wieso denn nur „im Zweifel“? Was ist denn, wenn der Zweifel fehlt oder auch umgekehrt allzu groß wird? Was wollte uns Augstein damit sagen? Dass er, wenn er sich sicher ist, also gerade mal nicht zweifelt, auch keine linke Position vertritt? Und dass er, wenn er irgendwie „links“ daherredet, dies nur so ins Blaue hinein tut, weil er seine Position gerade nicht richtig begründen kann und deswegen fix auf „Gefühlssozi“-Modus umschaltet?

Es ist natürlich gemein, so etwas zu vermuten, aber der Verdacht liegt eben nahe. So wollte Augstein sich auf Facebook auch mal „kurz zu Köln“ äußern. Das hätte er besser lassen sollen, denn Folgendes kam dabei heraus:

Die Bundeskanzlerin ist vor allem deshalb so beliebt, weil sie so wenig redet. Wenn sie den Mund aufmacht, muss es wichtig sein. Nun teilte ihr Sprecher mit, dass die Bundeskanzlerin in Köln angerufen habe um mit der Oberbürgermeisterin zu reden: „Die Bundeskanzlerin drückte ihre Empörung über diese widerwärtigen Übergriffe und sexuellen Attacken aus, die nach einer harten Antwort des Rechtsstaats verlangen.“

Normalerweise fällt die Ahndung von Straftaten nicht in den Bereich der Bundeskanzlerin. Minderschwerer Straftaten schon gar nicht. Darum handelt es sich in Köln vermutlich nämlich ganz überwiegend.

Der Hinweis, dass die Kanzlerin generell nicht für die Ahndung von Verbrechen zuständig ist, hätte vollkommen gereicht. Aber nachdem er das hingeschrieben hat, gerät Augstein ins Zweifeln und fängt folgerichtig an, abzuwiegeln und kleinzureden – was ziemlich zum Kotzen ist1.
Sicher wurden in Köln überwiegend „minderschwere Straftaten“ begangen. Aber was ist mit dem Rest, mit den schweren Übergriffen?
Darüber will Augstein nicht deutlich reden – mutmaßlich, weil ihm als Erwiderung auf rassistische Ressentiments gerade nichts Besseres einfiel als „So schlimm sind die Ausländer doch gar nicht!“ Oder weil er eben andere „Prioritäten“ hat, wie er im Freitag schreibt:

Wollen wir über Köln reden? In Köln jagt jetzt der rechte Mob die Ausländer durch die Straßen. Oder über Deutschland? In Leipzig verwüsten die Rechten eine ganze Straße. In Hessen wird ein Asylheim beschossen. Und überall im Land brennen solche Heime. Wir können auch über muslimische Männer reden. Über ihr Verhältnis zu Frauen. Ihr Verhältnis zum Recht. Ihr Verhältnis zur Freiheit. Die Diskussion nach der Silvesternacht von Köln ist vor allem deshalb so schwierig, weil wir entscheiden müssen, worüber wir reden: über uns oder über die Fremden? Beides zugleich, das hat die vergangene Woche gezeigt, geht nicht. Es ist also eine Frage der Priorität. Was ist uns wichtiger?

Ob Leipzig oder Köln, im einen wie im anderen Fall wurden Menschen angegriffen und verletzt. Die Frage, welche Verletzung nun „wichtiger“ sei, stellt sich so gar nicht2. Sowohl rassistischen als auch sexistischen Übergriffe sollte mensch sich entgegen stellen – und theoretisch sollte es auch möglich sein, beides in einem Text zu kritisieren, wenn man nicht gerade Jakob Augstein ist. Weniger Zweifel und längeres Nachdenken könnten in diesem Fall helfen.

  1. Wo ich schon beim Thema „Abwiegeln“ bin: 1997 wurde im Bundestag darüber abgestimmt, ob Vergewaltigung in der Ehe künftig als Straftat gelten solle. Im Rückblick ist vor allem interessant zu sehen, wer damals mit „Nein“ stimmte: http://dipbt.bundestag.de/doc/btp/13/13175.pdf#P.15798 [zurück]
  2. Im Falle von Leipzig stellen sich mir eher andere Fragen: Warum war denn in der angeblichen „Autonomen-Hochburg“ Connewitz kein vernünftiger Selbstschutz organisiert? Ja klar, weil mensch eben in der Hochburg nicht mit Fascho-Angriffen rechnet (der letzte, an den ich mich erinnere, liegt auch schon zehn Jahre zurück). Das sollte und wird wohl auch in den nächsten Tagen geklärt werden… [zurück]