Bozic sagt wie es ist

Hab mir nach längerer Zeit mal wieder die Jungle World gekauft und war u.a. positiv überrascht von einem Artikel von Ivo Bozic. Überrascht deswegen, weil Bozic, wie ich mich erinnere, gelegentlich auch groben Unsinn schrieb, über den ich mich dann ärgern musste. Aber sei´s drum, das ist mittlerweile verjährt. Ich warte ab, was künftig an Unsinn kommen mag und bedanke mich für diese Zeilen:

Asyl bekommt man nicht, weil man ein guter Mensch ist, sondern weil man vor Verfolgung oder Krieg flieht. Ein guter Mensch zu sein, kann unmöglich ein Kriterium sein, sich in Deutschland aufhalten zu dürfen, denn sonst wäre das Land weitgehend unbewohnt.

So prägnant formuliert ist es fast poesiealbumtauglich. Und der Gedanke ist zwar simpel, muss aber wahrscheinlich doch öfter mal wiederholt werden1. Mit etwas mehr Worten und schon vor etwas längerer Zeit hat Kübra Gümüşay (in einem ebenfalls lesenwerten Interview in der Süddeutschen Zeitung) sinngemäß dasselbe gesagt:

Die Gesellschaft erwartet von Flüchtlingen, dass sie Übermenschen sind. Sie zeichnet ein idealisiertes Bild von Deutschland, dem die Geflüchteten entsprechen sollen – obwohl es die meisten Deutschen nicht tun. Manche Geflüchtete sind freundlich, gesprächig, gebildet. Manche aber nicht. Wir dürfen nicht sagen: Wenn Flüchtlinge allen Idealen entsprechen, dann sind sie willkommen. Wenn sie aber grummelige, wortkarge Männer ohne Hochschulabschluss sind, wollen wir sie nicht. Dabei ist doch Deutschland reich bestückt mit grummeligen, dumpfbackigen Männern. Wie kommen wir darauf, dass Geflüchtete einem anderen Ideal entsprechen müssen?

Well said, auch dafür besten Dank.

  1. An genau diesem Punkt haben viele Menschen nämlich offenbar ein Verständnisproblem. Hier als ein Beispiel ein Zitat aus einem anderen Artikel, über den ich mich nicht gefreut, sondern geärgert habe: „Diese Vorfälle lassen nun sehr schnell eine Illusion verschwinden, die Illusion von der moralischen Überlegenheit der Opfer von Krieg und Vertreibung.“
    Wo der Fehler in diesem Gedankengang liegt, fällt dem Autor Tomasz Konicz zum Glück selbst noch auf. So schreibt er einige Sätze weiter hinten: „Die Flüchtlinge haben ein Recht zur Flucht – nicht weil sie als Opfer bessere Menschen sind, sondern weil sie Menschen sind.“
    Ärgerlich bleibt der Artikel dennoch, weil er in den Absätzen zuvor – und schon in der Überschrift – die Übergriffe auf dem Tahrir-Platz als Vergleich heranzieht, die wohl eher nicht von irgendwelchen „Opfern von Krieg und Vertreibung“, sondern viel wahrscheinlicher von staatlich bezahlten Schlägertrupps verübt wurden. Na gut, wenn man kurzfristig irgendwas meinen muss, fehlt vielleicht die nötige Zeit für Recherche… [zurück]