Archiv der Kategorie 'die tägliche krise'

Was auch mal gesagt werden muss


[Mit bestem Dank an genova]

Der Postillon hilft…

… und zwar all denen, die heute zum Opfer postalischer Belästigung wurden und ihren Briefkasten mit einem kostenlosen Käseblatt vermüllt fanden. Was tun mit der Gratis-Bild? Kann man die auch irgendwie sinnvoll verwenden? Okay, zum Feueranmachen – darauf wäre ich auch noch gekommen… Origineller ist da schon dieser Vorschlag:

Geben Sie vor, die Gratis-“Bild“ zu lesen, wenn Ihr/e Liebste/r den Raum betritt. Bleibt Ihr Partner dennoch bei Ihnen, muss er Sie wirklich lieben. Allerdings sollten Sie ihn/sie sofort verlassen. Wer will denn mit jemandem zusammen sein, der bereit ist, einen „Bild“-Leser zu lieben?

Auch nicht schlecht:

Zusammengerollt eignet sich die Gratis-“Bild“ hervorragend, um damit den Postboten, der sie Ihnen ins Haus gebracht hat, ordentlich zu verprügeln. Egal, ob der was dafür kann, gilt nämlich: Wer austeilt, muss auch einstecken können.

Gerechtigkeit stinkt!

Dass die Bild-Zeitung schon seit Jahren gegen die „Pleite-Griechen“ hetzt, weil die angeblich faul seien und nur von „unseren“ Steuergeldern (also den Steuergeldern von „uns Deutschen“) leben würden, ist ja bekannt. Und im Moment habe die Bild-Schreiberlinge wieder richtig Schaum vor dem Mund bzw. tun auf Befehl der Chef-Etage zumindest so, als wären sie richtig, richtig wütend über das, was die neu gewählte Syriza-Regierung da verzapft. Das Kalkül dabei ist ziemlich offensichtlich, dass die Leserschaft das liest und dann auch richtig wütend wird, was sich diese Griechen wieder leisten.

Ich weiß nicht, ob dieses Kalkül aufgeht. Zumindest dachte ich, als ich dieses Bild zum ersten sah, dass es sich um einen Fake handeln müsse. Ist das nicht eine ziemlich bescheuerte Art, Propaganda zu machen? „Mindestlohn um 30% rauf“, „Weihnachtsgeld für 1,3 Millionen Rentner“ – denken sich die deutschen Leser_innen da nicht: „Oh toll, DAS möchten wir auch!“???

Na gut, ICH würde so denken – Bild-Leser_innen ticken da eventuell anders, und die Bild-Redaktion sowieso. Die denken vielleicht eher so: „Wie kann das denn sein? Die Griechen kriegen was, was wir nicht kriegen?! Das ist ungerecht!“ Dagegen könnte man nun allerlei Bedächtiges einwenden – z.B. dass ein 30% höherer Mindestlohn vielleicht nach viel klingt, aber eben nicht unbedingt viel ist, nachdem die Löhne dort jahrelang gesenkt wurden. (Einfach mal nachrechnen: 30% von „Null“ sind immer noch „Null“, und wenn der Ausgangswert bei „fast Null“ lag, kommt bei 30% Erhöhung auch nur „fast Null“ heraus.)
Das mag zwar faktisch richtig sein – und auch wenn sich an der neuen griechischen Regierung einiges bemängeln und kritisieren lässt, finde ich es erst mal gut, wenn sie solche Maßnahmen durchsetzt und eventuell dafür sorgt, dass ein paar Menschen weniger an den Folgen der Sparpolitik sterben.

Das Argument geht jedoch am Kern vorbei, weil es eben versucht, rational auf eine Haltung zu reagieren, die selbst ziemlich irrational, um nicht zu sagen: bescheuert ist. Zumindest kommt man mit rechnerischem Kleinscheiß nicht gegen den metaphysischen Kern dieser Schlagzeilen an. Denn genau darum handelt es sich: eine Metaphysik, die um den Begriff der „Gerechtigkeit“ kreist. Man entschuldige meine verschwurbelte Ausdrucksweise – im Grunde ist es gar nicht so kompliziert. Was in diesen Schlagzeilen der Bild-Zeitung heraufbeschworen wird oder heraufbeschworen werden soll, ist Ärger darüber, dass dort vermeintlich irgendwer was bekommt, was man selber nicht hat. „Das ist ungerecht!“, sollen die Leute also denken. Den anderen soll es gefälligst auch so schlecht gehen, wie es einem selber geht. Das soll dann gerecht sein. Ist es vielleicht auch – aber dann ist „Gerechtigkeit“ ein untauglicher Maßstab.

Man könnte ja auch mal umgekehrt fragen: Wieso soll ich mich darüber aufregen, wenn jemand anderes etwas hat, was ich vielleicht nicht habe? Die Frage ist doch eher, was ich selber brauche. Es wäre doch sinnlos, wenn ich mich z.B. so empören würde: „He, Wolfgang Schäuble fährt einen Rollstuhl! Und ich muss zu Fuß gehen! Das ist ungerecht!“ Ja, klar muss ich zu Fuß gehen – aber im Gegensatz zu Wolfgang Schäuble brauche ich auch keinen Rollstuhl, um mich fortzubewegen. Das passt schon alles so, auch wenn Herr Schäuble vielleicht etwas hat, was ich nicht habe.

Das Beispiel ist vielleicht absurd – aber auf genau diese absurde Weise argumentieren z.B. die PEGIDA-Demonstrant_innen, die sich darüber aufregen, dass „den Flüchtlingen“ angeblich alles in den Arsch geblasen würde. Sicher gibt der Staat Geld dafür aus, dass diese Menschen in Heimen untergebracht (bzw. darin eingesperrt) werden, oder dass sie Gutscheine erhalten, die sie im Supermarkt gegen Lebensmittel umtauschen können. Dass diese Menschen dann in Heimen wohnen und die Gutscheine annehmen, kann man ihnen nicht zum Vorwurf machen – sie haben keine andere Wahl. Soweit die rationale Argumentation. Und nun die umgekehrte Frage: Worüber regen sich die PEGIDA-Demonstrant_innen auf? Darüber, dass irgendwer was bekommt, was sie vermeintlich nicht bekommen? Darüber, dass sie selbst für Lebensmittel und ein Dach über dem Kopf arbeiten müssen? Na gut, die Flüchtlinge dürfen gar nicht arbeiten, solange ihr Aufenthaltsstatus nicht geklärt wird – und wenn für die „ehrlichen Deutschen“ das Geld nicht reicht, warum beschweren sie sich nicht bei ihrem Chef, dass der nicht genug Lohn zahlt? Vermutlich, weil sich beschweren, streiken usw. (was man ja alles machen könnte) nicht zu den deutschen Traditionen gehört und von der Bild-Zeitung nicht empfohlen wird…

Ein anderes Beispiel: Vor einigen Jahren wurde ich mal vom Arbeitsamt zu einer ziemlich sinnlosen Eingliederungsmaßnahme verdonnert. Den halben Tag lang sollten wir üben, wie man im Windows-Word-Programm bestimmte Wörter kursiv setzt oder farbig macht. Fand ich langweilig, das konnte ich schon. Am Nachmittag erklärte uns eine Dozentin, wie wir uns richtig und gesund ernähren können. Okay – wusste ich aber auch schon. Irgendwann driftete die Dozentin dann in freie Erörterung ab und erwähnte, dass es Pläne gäbe, für Menschen, die jünger als 25 Jahre sind, die Hartz-IV-Bezüge zu kürzen. Das fand sie irgendwie gut, weil es eben „gerecht“ sei und die Jugendlichen dann gezwungen seien, sich schneller Arbeit zu suchen. Alle Anwesenden im Raum waren deutlich älter als ich und deutlich älter als 25 Jahre, und schienen teilweise geneigt, dem Argument zuzustimmen. Ich fand es scheiße und sagte das auch, dass es mies sei, Menschen, die ohnehin am Existenzminimum leben, dann noch was wegzukürzen. Die Miete und die Lebensmittel kosten ja auch nicht weniger, wenn jemand jünger als 25 ist.

Aber ich merke schon, ich schweife ab. Da versuche ich lieber, den Sinn meiner Rede in einem knappen Fazit zusammenzufassen. So prägt sie sich vielleicht auch besser ein. Also hier das Fazit: Gerechtigkeit stinkt, zumindest, wenn sich hinter diesem Wort nur schlecht verkleideter Sozialneid verbirgt. Und „Gerechtigkeit“, als abstrakte Gleichbehandlung verstanden, ist kein brauchbarer Maßstab für irgendwas. Kümmern wir uns mal ein wenig mehr darum, was wir selber brauchen und was uns unter den gegebenen Eigentumsverhältnissen fehlt – nicht darum, was andere Leute haben, denen es ansonsten noch viel schlechter geht als uns.

„Hoher Unterhaltungswert, aber auch anschwellender Ekelfaktor.“

Ich schätze die Zeit nicht besonders. In der WG, wo ich mal wohnte, hatten wir diese Zeitung abonniert, und obwohl sie immer auf dem Küchentisch lag, habe ich fast nie mehr als drei Zeilen am Stück darin gelesen – der beflissen-bildungsbürgerliche „Das müssen wir mal gaaanz bedachtsam differenzieren“-Tonfall, wie er in den meisten Artikeln gepflegt wird, rief bei mir stets nur akute Langeweile hervor.
Es gibt allerdings auch positive Ausnahmen, wie ich gerade feststelle – z.B. diese lesenwerte Polemik, in welcher der Zeit-Autor Robin Detje seine rechtslastigen Feuilleton-Kollegen Poschardt, Fleischhauer & Co mit erfreulicher Eloquenz und Treffsicherheit abwatscht:

Nein, es gibt in Deutschland niemanden, der diktatorisch-gouvernantenhaft politische Korrektheit durchsetzen möchte. Stattdessen gibt es eine ARD, die in der Werbung zu ihrer aktuellen Themenwoche Toleranz schüchtern die Frage stellt, ob man Behinderte akzeptieren oder doch lieber ablehnen möchte. Nein, es gehört sich nicht, sich selbst wider besseres Wissen zu Opfern einer nicht-existenten Gesinnungspolizei zu stilisieren. Das ist nicht lustig. Das ist sehr uncool. Und deshalb husch, husch, ihr allmännermächtigen Diskursbeherrscher, zurück in eure Eckkneipe.

Danke sehr, dem kann ich mich nur vollumfänglich anschließen (obwohl die Diskursmacker sich bitte von den Eckkneipen fernhalten mögen, in denen ich mich gewöhnlich aufhalte).

Neues vom Untergang des Abendlandes

Eigentlich gibt es nicht viel Neues, der Untergang schreitet immer noch unaufhaltsam voran. Weihnachtsmärkte heißen heute Wintermärkte, und die geistigen Kräfte des einst so stolzen Volks der Dichter und Denker schwinden rapide dahin. Hier sieht man es wieder:

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Quelle