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Schön

Da haben sich welche gefunden… To Rococo Rot, die halb in Köln, halb in Berlin verortet, seit nun etwa 20 Jahren halb akustische, halb elektronische, aber immer sehr, sehr gute Musik produzieren. Und Arto Lindsay, den ich vor allem seines krachigen Frühwerks mit DNA wegen sehr schätze, der aber im Laufe der 1980er Jahre vom No Wave aus in Richtung Pop abgewandert ist.
In einem Interview bei The Quietus stieß ich auf folgende schöne Aussage vom To-Rococo-Rot-Menschen Robert Lippok:

What I love about To Rococo Rot is that it is hard to say where the musical development is from the first record to the last one. There is no musical development – there may be a new strategy or a different awareness of sound or melody but it’s more like when you hear music from Africa or South America, where it is not developed in a capitalistic way, but it develops more ‚horizontally‘.

Interessant, dass da jemand meint, sich nicht entwickelt zu haben – gewöhnlich behaupten Musiker_innen in Interviews eher das genaue Gegenteil. Im Falle von To Rococo Rot stimmt es aber: Wenn, dann entwickelt sich deren Musik tatsächlich eher „horizontal“. Das jeweilige musikalische Statement (der Song) ist natürlich neu – aber es lässt sich eben nicht sagen, dass dieses Statement nun besser als das letzte sei, dass es da einen Fortschritt in Richtung „schneller, größer, lauter“ gäbe. Muss ja auch nicht sein. Solange jedesmal so formschöne, unaufgeregte Musik dabei herauskommt, kann es von mir aus nochmal 20 Jahre so weitergehen.

Next Weekend: Massicot

Falls ihr Leipzig wohnt und nächstes Wochenende noch nichts vorhabt:

Und hier könnt ihr schon mal reinhören:

Ask Not What You Can Do For Your Country

Weil man sich ja auch nicht die ganze Zeit nur mit Idioten befassen will, hier mal ein Video mit netten Leuten. Die Avengers bestanden von 1977 bis 78, brachten ein Album raus, das ziemlich viele Hits beinhaltet. „The American In Me“ ist einer davon, und einer meiner liebsten. Schon deswegen, weil die Refrainzeile „Ask Not What You Can Do For Your Country – What’s Your Country Been Doing To You?“ so schön und treffend ist. Der Nationalstaat tut ja seinen Insassen tatsächlich allerlei an – Hartz-IV-Gesetze, Abschiebeknäste, you name it – und ist, kurz gesagt, ein schlichter Zwangsverband. Den kann man mit allerlei Patriotismus verbrämen, wenn man sich seine Lage schönreden will. Besser wäre es, dies bleiben zu lassen.
Das haben natürlich auch andere Leute schon früher gemerkt, aber Michail Bakunin konnte zum Beispiel nicht so gut Bass spielen. Vor ein paar Jahren oder so haben die Avengers sich reunited. Die Sängerin Penelope Houston hat zwischendrin solo weitergemacht, mit gar nicht verkehrten Ergebnissen. Ihr seid herzlich eingeladen, hier mitzusingen und die Fäuste zu schütteln.

22 Jahre später

Heutzutage gibt es ja haufenweise Bands, die sich an instrumentalem Metal/Rock/etc. versuchen. Eher zu viele als zu wenige (auch wenn ich hier jungen Musikmenschen nicht ihr Hobby madig machen will), weil die meisten davon daran scheitern bzw. es gar nicht erst versuchen, der Materie noch spannende oder neuartige Seiten abzugewinnen. Was eigentlich gar nicht so schwer sein sollte – es müsste doch möglich sein, irgendwas zu machen, was nicht wie sagen wir mal: Mogwai oder Explosions In The Sky klingt.

Aber ich will hier gar nicht nörgeln – man braucht nur manchmal eine Negativfolie, vor der sich das wirklich gute Zeug dann umso positiver abheben kann. Blind Idiot God haben schon in den 80er Jahren schwere Gitarrenmusik fabriziert und jetzt mal wieder ein Album rausgebracht, nachdem 22 Jahre lang nicht mehr viel von ihnen zu hören war (widrigen Umständen geschuldet, was man hier im Interview nachlesen kann). Verlernt haben sie in der Zwischenzeit nichts, eher sind sie noch ’nen Tacken besser geworden, würde ich meinen. So oder so klingt das ziemlich mächtig, eigenwillig bzw. mächtig eigenwillig und spannend:

Die dunklen Achziger

Und weil ich gerade dabei bin, gibt’s hier noch ’ne Schippe Post Punk hinterher. Auch auf der anderen Seite des Erdballs gab es Anfang der 80er junge Menschen, die Joy Division gut fanden und etwas Ähnliches machen wollten. Erstaunlich daran ist, wie viele der aus solcher Motivation entstandenen Bands auch heute noch wirklich gut klingen. (Zum Vergleich: Wie viele Grunge-Bands aus den frühen 90ern fallen euch ein, die irgendwie mit Nirvana mithalten konnten?)

Sicher spielt da eine gewisse Nostalgie mit rein. Ich mag diesen Sound auch einfach – wenn es, wie in diesem Fall, ein wenig wie Joy Division oder Modern English klingt (mit ganz, ganz leichten Anklängen an Bauhaus beim Gesang), dann ist die Chance schon ziemlich hoch, dass ich das gut finde. Aber Club Of Rome, die hier im Video zu sehen sind, waren auch wirklich eine sehr gute, kraftvolle und hörbar gut eingespielte Band.

Überraschend ist für mich im Rückblick auch, wie ungotisch die Menschen damals aussahen, die solche Musik machten. Dabei ist das genau der Sound, an den ich immer denke, wenn ich das Wort „Gothic“ verwende. Aber karierte Polo-Hemden sehen ohnehin viel cooler aus als schwarze Lederklamotten, und sind für australisches Klima wohl auch besser geeignet. (Wobei: Ich wundere mich ja immer über die Grufties, die selbst im Sommer bei 30 Grad im Schatten noch ihre langen schwarzen Ledermäntel anbehalten. Wer finster aussehen will, muss eben tapfer sein…)

Bei Interesse lohnt es sich übrigens, sich auch die offizielle Website der Band anzuschauen – da gibt’s u.a. die komplette Diskografie zum Anhören und Runterladen.